damals...

 Meine Erinnerung an Torre Colimena reicht zurück bis in die fünfziger Jahre, als ich zum ersten Mal dort “Urlaub” machte. Damals gab es außer dem alten Wachturm aus dem 16. Jahrhundert nur eine kleine Ansammlung von Fischerhütten am Naturhafen. Überall wuchs die Macchia Mediterranea mit ihrem Duft nach Thymian und anderen würzigen Kräutern und Pflanzen, durchzogen von steinigen und staubigen Trampelpfaden. Kein Auto weit und breit. Nur ab und zu gab es einen Fiat Topolino zu bestaunen, einige Mopeds zu sehen, aber viele, viele "Drahtesel", die Fortbewegungsmittel par excellence.

 

 Haupttransportmittel waren die großrädrigen, bunt bemalten und reich verzierten, von Pferden, Mulis und Eseln gezogenen Holzkarren. Die Fuhrwerker, Vorfahren unserer modernen Brummifahrer, pflegten ihre Pferde und Mulis in die Fluten zu führen, um sie dort zu baden und zu verwöhnen und diese liessen es sich gerne gefallen. Man konnte es ihnen regelrecht ansehen, wie sehr sie es genossen.

 Nur wenige Leute konnten sich damals schon eine Sommerfrische leisten. Die Sandstrände waren unberührt, voll von Muschelschalen aller Art und in allen Formen und Farben. Die Sanddünen hatten noch ihre ureigenen, von Wind und Meer gestalteten Formen, denn man war noch nicht auf die Idee gekommen, sie abzutragen, um sie als billigen Werkstoff für den Hausbau zu verwenden, was leider Gottes dann in den "roaring sixties" geschehen sollte. Gut, daß diesem Raubbau noch rechtzeitig Einhalt geboten wurde. So konnte das Schlimmste verhindert werden und somit dürfen wir uns heute ihrer erfreuen.

 

...und heute

 Zwischen Torre Colimena und Specchiarica, der benachbarten Siedlung, liegt “la salina dei monaci”, ein Salzsee, circa 1000 Meter lang und bis zu 400 Meter breit, nur durch die Sanddünen vom offenen Meer getrennt. In alten Zeiten wurde hier das Salz abgebaut. Heute ist er zum Naturschutzgebiet erklärt und die asphaltierte Straße aus den sechziger Jahren entlang der Dünen abgetragen worden. Nach vielen, vielen Jahren können wieder Zugvögel beobachtet werden, die hier Rast machen auf ihren langen Wegen in den Norden oder den Süden. Wilde Schwäne, Reiher und noch viele andere Wasservögel sind keine Seltenheit mehr. Es sind Wanderwege angelegt worden und langsam nimmt die Macchia ihre dominante Stellung von einst wieder ein.

 

 Fast das ganze Jahr über ist Torre Colimena leer und verwaist, nur in den Monaten Juli und August wird es zur “Großstadt”. Dann ziehen nahezu alle Einwohner aus den benachbarten Orten Avetrana, Erchie und Torre Santa Susanna hierher. Touristen, vor allem die ehemaligen Gastarbeiter, ihre Nachkommen und deren Bekannte aus den nördlichen Ländern gesellen sich hinzu. Aber auch Deutsche, Österreicher und Schweizer, die neuerdings hier entlang des Küstenstreifens ansässig geworden sind, um in diesem herrlichen Landstrich ihr wohlverdientes Rentnerdasein zu geniessen. Ab Anfang September kehrt allmählich wieder Ruhe ein. Es bleiben die Nachfahren der alten Fischer mit ihren Familien, der Pfarrer und der Tabaccaio, der Tabakhändler.

 

 Dabei sind die Monate, die dann kommen, die schönsten des Jahres, allen voran der Mai mit seiner Blütenpracht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Alberto Bizzini Torre Colimena bei Nacht - Foto: Alberto Bizzini