Trulli

 

meisterhaft errichtete Rundbauten aus lose aufeinandergeschichteten Feldsteinen, gibt es in Apulien seit urdenklichen Zeiten. In unserer Gegend wurden sie auf den Feldern mit den Steinen erbaut, die bei der Urbarmachung der Macchia gesammelt wurden. Auch die "mura a secco", die typischen Feldgrenzmauern, wurden mit den gleichen Steinen und mit der selben Technik errichtet Das, was heute von ihnen geblieben ist, stellt nur einen kleinen Teil dessen dar, was im Laufe von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten in harter Arbeit von vielen, großen und kleinen fleissigen Händen zusammengetragen worden war.
Die Trulli, die vorwiegend in den Feldern zu finden sind, wurden hauptsächlich während der Erntezeit bewohnt. Man zog mit Kind und Kegel auf das Land und widmete sich der Erntearbeit. Sie begann mit den Hülsenfrüchten wie Saubohnen, Bohnen, Erbsen, Kichererbsen, dann kamen die Mandeln, Birnen, Äpfel, Tomaten und Feigen, anschliessend die Kaktusfeigen, Weintrauben und ganz zum Schluss die Oliven. Die Dachterrassen, die oben im Bild sehr schön zu sehen sind, dienten als Auslageflächen für die Früchte. Sie wurden an der Sonne ausgebreitet und durch Trocknen haltbar gemacht. So wurden zum Beispiel die Tomaten und die Feigen, längs aufgeschnitten, auf Bambusmatten, den "Cannizzi", schön in Reih und Glied positioniert und an die pralle Sonne gestellt. Sobald der Abend einbrach oder wenn Regen drohte, deckte man sie ab, um sie so vor Nässe und dem sicheren Verderb zu retten.
Nach der Ernte zog man zurück in den Ort und verbrachte dort den Winter.

Dies ging so bis nach dem 2. Weltkrieg. Im Zuge der Agrarreform und der zunehmenden Industrialisierung wandelte sich die Wirtschaftslage und damit auch das Leben der Bevölkerung. Der Lastkraftwagen ersetzte den von Pferden gezogenen Karren (lu trainu), und der Ape 50 von Piaggio den Eselskarren (lu trainieddu).

 

 

Mit diesen Motorkarren war man in Nullkommanichts auf den Feldern und wieder zurück. Man brauchte nicht mehr auf das Land zu ziehen. Die geernteten Bodenfrüchte wurden zu Hause auf den Flachdächern getrocknet, die Trulli standen leer, verfielen und wurden nach und nach abgetragen, um Platz für neue Anpflanzungen zu schaffen. Nur die am Küstenstreifen bekamen noch eine kurze Galgenfrist, denn man hatte in der Zwischenzeit die Sommerfrische am Meer entdeckt. Die Leute zogen nicht mehr auf die Felder, sondern ans Meer. und glücklich derjenige, der dort ein Trullo sein Eigen nennen konnte. Die Nachfrage nach Sommerunterkünften stieg, die Landbesitzer begannen Agrarland als Bauland zu verkaufen, ein Bauboom ohnegleichen setzte ein. Der Rubel, richtiger die Lira, rollte. Die Trulli, die den gehobeneren Ansprüchen nicht mehr genügten, wurden abgetragen und an ihrer Stelle errichtete man komfortablere Häuser. Heute sind Trulli in Meeresnähe eine Rarität, Die Bauwut bewirkte, dass fast überall wild und planlos und ohne Rücksicht auf die Natur gebaut wurde. Da man gewohnt war, auf engstem Raum zu leben, (vielköpfige Familien von zehn und mehr Mitgliedern waren keine Seltenheit) begnügte man sich mit kleinsten Baugrundstücken, sodaß stellenweise Siedlungen entstanden, die einem Altstadtviertel mit seinen engen Gassen alle Ehre gemacht hätten, wäre da nicht der “moderne” Baustil gewesen.
Heute gibt es kaum noch jemanden, der die Kunst des Trullobauens beherrscht. Ich jedenfalls kenne keinen mehr. Als ich vor etwa zwanzig Jahren nach Avetrana zurückkehrte, war der letzte seines Standes, übrigens ein Jugendfreund meines Vaters, noch am Werk. Er war damals nahe den Siebzigern und ist mittlerweile gestorben. Und mit ihm ist es diese archaische Handwerkskunst.